Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Alte und neue Loyalitäten in Preußens Osten und Polens Westen. Die Posener Region und Oberschlesien, 1871-1939.

Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

Das Projekt gilt den Loyalitäten der polnischen Bevölkerung, die bis 1918 die preußischen Provinzen Posen und Schlesien (besonders den Regierungsbezirk Oppeln) bewohnte und sich nach dem Ersten Weltkrieg in den westlichen Woiwodschaften der Zweiten Polnischen Republik wiederfand. Es geht dabei um die Erfahrung eines Herrschaftswechsels, der durch Krieg eingeleitet und durch Aufstandsbewegungen von polnischer Seite bzw. per Plebiszit vollzogen wurde. Über Generationen hinweg entwickelte Bindungen an staatliche und soziale Strukturen lösten sich dadurch auf und mussten durch neue, noch nicht erprobte ersetzt werden. Das Vorhaben geht von einer Beobachtung der Loyalitätenforschung aus, derzufolge solche Bindungen in einem komplexen Prozess hergestellt bzw. erlernt werden müssen und multidimensional sind, so dass sie weder „über Nacht“ verschwinden noch ohne weiteres neu geknüpft werden können. Inwieweit dies auch für die Transition zwischen Preußen-Deutschland und Polen gilt, wird mit diesem Projekt erforscht.

Ansatzpunkte sind zunächst die Vorstellungen von Treue und Loyalität, die im Untersuchungszeitraum zwischen Preußen-Deutschland und Polen virulent waren. Davon ausgehend soll möglichst konkret ermittelt werden, inwieweit die Institutionen, denen gemeinhin eine Loyalitäten generierende Funktion zugeschrieben wird (Schule, Kirche und Armee) diesen spezifischen Teil ihres Bildungsauftrags erfüllten. Zu reflektieren ist die in diesem Zusammenhang gängige Wahrnehmung, nach der die preußische Schule bzw. die Armee damit wegen des deutsch-polnischen Nationalitätenkonflikts zwangsläufig keinen Erfolg haben konnten, während die entsprechenden polnischen Institutionen nach 1918 die Loyalitäten ihrer polnischen Zöglinge gleichsam voraussetzen konnten. Dazu werden die verschiedenen Indikatoren für Loyalität herangezogen, die in der Forschung immer wieder genannt werden, aber noch nicht umfassend erprobt sind (Wehrbereitschaft, Wahlbeteiligung, bestimmte Formen von Gesetzestreue bzw. deren Fehlen) und auf ihre Aussagekraft hin überprüft.

Das Vorhaben ist nicht nur als ein Beitrag zur Loyalitätenforschung zu verstehen. Es soll auch einen neuen Zugang zu Fragen der deutsch-polnischen Geschichte im 19./20. Jahrhundert eröffnen, die bisher vor allem unter Aspekten der internationalen Beziehungen und der Identitätenforschung problematisiert wurden. Nicht zuletzt ist ein den Ersten Weltkrieg übergreifender Vergleich der Regionen Großpolen und Oberschlesien, die im deutsch-polnischen Verhältnis eine so bedeutende Rolle spielten, noch nicht versucht worden.