Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Dissertationsprojekt: Nationalismus und die deutsche Evangelische Kirche in der Tschechoslowakei und in Estland in der Zwischenkriegszeit

Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

(Projekt im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs "Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts)

Im Zuge der Nationalisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert mussten sich in Europa auch die Kirchen national profilieren. Die Schwierigkeiten und Konflikte, die im Zuge dieses Prozesses auftauchten, sind für viele Länder Europas bereits eingehend untersucht worden, doch ist bisher wenig als direkter Vergleich publiziert worden. Mein Projekt ist daher komparativ angelegt. Untersucht wird die Entwicklung der deutschen evangelischen Kirche in der Tschechoslowakei und in Estland während der Jahre 1918 und 1939. Der Vergleich dieser beiden Länder soll zeigen, wie die Kirchen dort unter ähnlichen Rahmenbedingungen in einem neu geschaffenen Nationalstaat als religiöse Gemeinschaften für eine Minderheit versuchten, sich eine wichtige Position zur Einflussnahme in Politik und Gesellschaft zu schaffen.

Die Ausgangslage in beiden Ländern ist die neu erlangte Unabhängigkeit im Jahr 1918, mit der die deutsche Minderheit jeweils ihre frühere Stellung im politischen Leben verlor. Auch der kirchliche Bereich wurde von der Umstrukturierung betroffen. In den Böhmischen Ländern wurden die Kirchen national organisiert, so dass bereits 1919 die „Deutsche Evangelische Kirche in Böhmen, Mähren und Schlesien” gegründet wurde. In Estland entstand ein deutscher Probsteibezirk innerhalb der Estnischen Landeskirche, um den Dienst für einen Gott zu betonen.

Mein Vergleich will versuchen, eine möglichst vielschichtige Untersuchung darzustellen, so dass im Zusammenspiel der einzelnen Ebenen die Bedeutung von Religion in Bezug auf Nationalismus deutlich wird. So wird eine Analyse der Kirche als Trägerin von nationalem Bewusstsein erfolgen, die sich auf die gesamte Kirche sowie beispielhaft auf Einzelpersonen beziehen soll. Wichtig ist auch, das konfessionelle Selbstverständnis insbesondere während der Staatsgründung zu untersuchen und zu vergleichen sowie den Zusammenhang von politischer und religiöser Bewegung zu analysieren. Besonders wird der Gebrauch kirchlicher Semantiken in den Blick genommen werden. Anhand von publizistischen Debatten sowie privater Korrespondenzen soll eine Untersuchung der Repräsentation von Kirche und Religiosität auf der textlichen Ebene durchgeführt werden. Dabei soll ermittelt werden, welche Begriffe, Deutungen und Semantiken von Kirche und Religion durch publizistische Konflikte zu welchem Zeitpunkt ausgehandelt wurden. Es sollen Unterschiede im Gebrauch dieser Begriffe von nationaler Mehrheit und Minderheit sowie zwischen den Ländern herausgearbeitet werden und ihre Wirkung bzw. Widerstände gegen sie erschlossen werden. Soweit möglich, soll auch die Beziehung zur tschechischen bzw. estnischen Kirche und den jeweiligen politischen Institutionen ins Blickfeld genommen werden.

Dieser vielschichtige Vergleich zweier mitteleuropäischer Länder verspricht eine neue Perspektive auf die höchst differenzierten Prozesse und Entwicklungen im Europa der Zwischenkriegszeit.