Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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»Menschheitsreligionen« – T. G. Masaryk, A. V. Lunačarskij und die religiöse Herausforderung revolutionärer Staaten

Dr. des Johannes Gleixner

»Menschheitsreligionen« – T. G. Masaryk, A. V. Lunačarskij und die religiöse Herausforderung revolutionärer Staaten

Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, Prof. Dr. Miloš Havelka.
Projekt (abgeschlossen im Juli 2015) im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs „Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts“.

An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war das Vertrauen in den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt erschüttert. Europaweit fragten sich Intellektuelle mit ungekannter Intensität, welche Rolle die Religion in der modernen Welt denn nun spiele: Überbleibsel der Vergangenheit oder doch Schlüssel zur neuen Gesellschaft? Anatolij Vasil′evič Lunačarskij, junger russischer Marxist und enger Bekannter Lenins, und Tomáš Garrigue Masaryk, Vordenker ebenso wie schlechtes Gewissen der tschechischen Nationalbewegung, wollten wie viele andere diese religiöse Frage zu beantworten. Im Unterschied zu ihren Zeitgenossen stiegen sie nach dem Ende der alten Imperien jedoch zu Repräsentanten neuer, revolutionärer Staaten auf. Gleichzeitig folgten ihnen die alten religiösen Debatten: Die neuen Staatswesen der Tschechoslowakei und Sowjetrusslands weckten bei allen Unterschieden religiöse Erwartungen in ihren Bevölkerungen, denen sie mit zunehmender Dauer immer weniger entsprechen konnten. Lunačarskij wie Masaryk wurden zur unfreiwilligen Verkörperung einer öffentlichen politischen Religiosität. Beide stehen beispielhaft für das Unvermögen moderner Staaten, eine eindeutige Position zu Religion(en) zu vermeiden ohne dabei ideologisch beliebig zu werden. Die demokratische Tschechoslowakei wurde ebenso wie das kommunistische Sowjetrussland gerade von religiösen Minderheiten dazu gedrängt, die Trennung von Religion und Politik endgültig aufzuheben. Beiden Staaten blieben ihrem revolutionären Anspruch zum Trotz nur ein möglichst geordneter ideologischer Rückzug und der erneute Kontakt zu den alten Staatskirchen.

http://www.v-r.de/de/menschheitsreligionen/t-0/1039348/ (erscheint Nov. 2016)