Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Dissertationsprojekt: Späte Gerechtigkeit? Entschädigungsdiskurse von NS-Opferverbänden in Tschechien und Polen.

Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

Gefördert im Rahmen des Projektes "Diskurse von Opferverbänden" der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission und des Collegium Carolinum

Das Dissertationsvorhaben beschäftigt sich mit der Erinnerung an die Zwangsarbeit zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Den historischen Hintergrund dafür bildet der massenhafte Einsatz von Menschen aus ganz Europa, die gezwungen wurden, unter oft menschenunwürdigen und lebensgefährlichen Bedingungen für das nationalsozialistische Regime zu arbeiten. Betroffen waren unter anderem zahlreiche Tschechen und Polen. Das Vorhaben soll in vergleichender Weise die Erinnerung an den Zwangsarbeitseinsatz in Tschechien und Polen von 1945 bis heute beleuchten. Die Arbeit konzentriert sich dabei im Wesentlichen auf drei Leitfragen:

1. Welches Bild wird von der Zwangsarbeit für das nationalsozialistische Regime und von den Zwangsarbeitern in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gezeichnet?

2. Welche Auswirkungen hat dieses Bild für den Opferstatus der Betroffenen, die Anerkennung ihres Leidens und die Forderung nach Entschädigung gehabt?

3. Wie haben die Opferverbände am Bild von der Zwangsarbeit mitgewirkt und auf welche Art und Weise haben sie die Forderungen ihrer Mitglieder und der Betroffenen im Allgemeinen auf Anerkennung und Entschädigung vertreten?

Mithilfe des Instrumentariums der historischen Diskursanalyse soll herausgearbeitet werden, wie die Erinnerung an den Zwangsarbeitseinsatz spezifisch geprägt war und wie sie sich unter dem Eindruck der politischen Veränderungen und des Auftauchens neuer Akteure gewandelt hat. Im Zentrum der Untersuchung stehen die NS-Opferverbände in den beiden Ländern und hierbei insbesondere die Verbände, die sich speziell den Interessen der ehemaligen Zwangsarbeiter verpflichtet sehen. In Tschechien ist dies der Verband der Zwangsarbeiter, Svaz nucene nasazených (SNN), und in Polen die Gesellschaft der vom Dritten Reich geschädigten Polen Stowarzyszenie Polaków poszkodowanych przez III rzesze (SPP).

Zentral ist für das Vorhaben die Frage nach der politischen Wirksamkeit von Erinnerung, die auch das Gesamtprojekt „Diskurse von Opferverbänden“ prägt.

Im Sinne einer „moralischen Ökonomie“ (Constantin Goschler) soll die Erinnerung einem bestimmten Zweck dienen, nämlich politische und moralische Schuld in materielle Schulden umzuwandeln - im Sinne der Betroffenen und ihrer Vorstellung von historischer Gerechtigkeit. Der Umgang mit dem Thema Zwangsarbeit erscheint ferner geeignet, etwas über die Erinnerungskultur der beiden Länder auszusagen. Dies gilt vor allem mit Blick auf die eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg, auf das damit einhergehende Selbstbild als Nation und als Opfer des nationalsozialistischen Deutschland.