Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Habilitationsprojekt: Russland als Imperium und Kolonialreich im 18. Jahrhundert. Konzepte und Praktiken russländischer Eliten

Bearbeiterin: Dr. phil. Ricarda Vulpius

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

 

Obwohl die Imperiumsforschung schon seit seinem Jahrzehnt die Dominanz der Nationalismusforschung in der Geschichtswissenschaft gebrochen hat, befindet sich eine Analyse des imperialen Selbstverständnisses russländischer Eliten noch in den Anfängen. Im Falle des Russländischen Reiches ist bislang nicht einmal geklärt, seit wann die Oberschicht den Staat als ein Imperium im Sinne der Herrschaft einer Metropole über kulturell fremde Peripherien wahrgenommen hat. Eine Analyse der Wurzeln imperialen Denkens im Russländischen Reich ist dabei zentral, um die Identitätsprobleme und die Probleme imperialer Politik des Landes bis hin zur heutigen Russländischen Föderation zu verstehen.

Im vorzustellenden Projekt soll mit kultur- und begriffsgeschichtlichen Methoden die Entfaltung eines imperialen Bewußtseins und einer russischen Zivilisierungsmission bei den russländischen Eliten im 18. und frühen 19. Jahrhundert untersucht werden. Grundannahme des Projektes ist es, daß um 1700 im Russländischen Reich eine neue Denkweise aufkam, die in dem Willen bestand, in das Wertesystem und in die Kultur der eroberten fremden Völker einzugreifen und sie gegen ihren Willen dauerhaft zu verändern. Dabei ist zu prüfen, ob die Ausdrucksformen der Intoleranz gegenüber nicht-russischen Lebens- und Glaubensformen, wie sie seit dem Zaren Peter I. zunahmen, im Zusammenhang mit der Verwestlichung des Russländischen Reiches zu sehen sind und eine Folge des Bedürfnisses waren, westeuropäische imperiale Praktiken zu übernehmen. Auch das Aufkommen einer anti-islamischen Grundstimmung im Zuge der neuen Nachbarschaft zum Osmanischen Reich soll dahingehend untersucht werden, ob sie die Bereitschaft zur gewaltsamen Bekehrung von Muslimen im Reich wachsen ließ. Der Untersuchungszeitraum des Projektes erstreckt sich ungefähr von Peter I. bis 1830, dem polnischen Novemberaufstand, der das Aufkommen moderner Nationalbewegungen im Russländischen Reich markiert.

Ziel des Projekts ist es, anhand der Wahrnehmung und Deutung durch die Zeitgenossen eine Sprache der Selbstbeschreibung des Russländischen Reiches für das 18. Jahrhundert herauszuarbeiten. Dem Anliegen liegt das Verständnis zugrunde, daß zur Definition eines Imperiums analog zu jener der Nation im Sinne einer "vorgestellten Gemeinschaft" die subjektive Perspektive wesentlich ist. Zentrale Begriffe imperialen Denkens sowie ihr Wandel über den Untersuchungszeitraum hinweg sollen dabei aus den Quellen erschlossen und in das Gesamtbild eines imperialen Selbstverständnisses integriert werden. Die Arbeit will dabei zugleich zur Diskussion in der komparativen Imperiumsforschung über die Frage beitragen, inwieweit der Begriff des Kolonialismus auf das Russländische Reich des 18. Jahrhunderts anzuwenden ist bzw. wo seine Grenzen liegen.


Servicebereich