Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Russlands Aufbruch in die Moderne. Technische Innovation und die Neuordnung sozialer Räume im 19. Jahrhundert

Dr. Frithjof Benjamin Schenk

Das Forschungsprojekt  ist der Frage nach den politischen, sozialen und kulturellen Folgen der infrastrukturellen Vernetzung des Russischen Reiches von den 1830er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg gewidmet. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Neuordnung geografischer Räume durch moderne Verkehrs- und Kommunikationstechnik politische Herrschaft, Mobilität und Kommunikation sowie raumbezogene Ordnungsvorstellungen und Wahrnehmungsmuster veränderte. Am Beispiel des imperialen Russland wird das Wechselverhältnis von technischer Innovation, gesellschaftlichem Wandel und Transformation sozialer Räume untersucht. Ziel ist es, für die historische Forschung ein neues, interdisziplinäres Forschungsfeld zu erschließen, das Fächergrenzen der Geschichte, Soziologie, Geografie und Technikwissenschaften überschreitet, neue Einsichten in die Funktionsweise imperialer Herrschaft im 19. Jahrhundert im Allgemeinen verspricht und gleichzeitig zu unserem Verständnis gesellschaftlicher Veränderungen durch die Intensivierung von Mobilität und Kommunikation im Zeitalter der Globalisierung nachhaltig beiträgt. Das Forschungsvorhaben wird seit Oktober 2009 von der Volkswagen-Stiftung mit einem „Dilthey-Fellowship“ gefördert.

Bei dem Habilitationsvorhaben „Russlands Fahrt in die Moderne. Mobilität und sozialer Raum im Eisenbahnzeitalter“ handelt es sich um ein Teilprojekt dieses Forschungsvorhabens. Im Rahmen dieser Qualifikationsarbeit, die im August 2010 abgeschlossen wurde, wird der Frage nachgegangen, wie sich Strukturen sozialer Räume im Zarenreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Bau und die Nutzung der Eisenbahn veränderten. Dabei werden gesellschaftliche Räume sowohl aus einer Makro- wie aus einer Mikroperspektive untersucht und dabei das Territorium des Russischen Reiches ebenso in den Blick genommen, wie der großstädtische Bahnhof und die Waggons und Abteile der Züge des Überlandverkehrs. Zu fragen ist jeweils, wie sich soziale Räume in ihrer Pluralität an den Orten des russischen Eisenbahnsystems manifestiert haben, an welchen Punkten sie sich überschnitten und welche Formen der innergesellschaftlichen Begegnung, Wahrnehmung und Konfliktes sich beschreiben lassen. Fluchtpunkt der Untersuchung ist die Frage, ob die Eisenbahn letztlich Prozesse der territorialen Konsolidierung und Vergesellschaftung vorangetrieben hat oder ob die Vernetzung des Landes nicht eher Tendenzen territorialer Destabilisierung und gesellschaftlicher Desintegration beförderte.

Die zweite Teilstudie des Projektes ist der Geschichte der russischen Telegrafie und deren Bedeutung für die Intensivierung raumzerdehnter Kommunikation im Zarenreich vor dem Ersten Weltkrieg gewidmet. Während in der ersten Teilstudie nach dem Wechselverhältnis von technischer Innovation, Mobilität und sozialem Raum gefragt wird, steht hier die Interdependenz von technischem Fortschritt, Kommunikation und sozial-räumlichen Ordnungsmustern im Mittelpunkt.

In zwei internationalen Fachkonferenzen sollen die Ergebnisse der beiden Teilstudien schließlich in einen komparativen Zusammenhang gestellt und der Horizont für global- und transfergeschichtliche Fragestellungen geöffnet werden.


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