Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Forschungsprojekt

Das Forschungsprojekt

„Russische Revolution, Migration und Hygiene: Perspektiven und Probleme einer sowjetischen Kulturgeschichte von Gerüchen“

Obwohl Gerüche eine physiologische Natur haben, sind ihre Wahrnehmung und Deutung Kulturerscheinungen. Kulturelle Parameter entscheiden darüber, ob Gerüche wahrgenommen oder ignoriert werden, ob man sie als gut oder schlecht, angemessen oder unanständig einschätzt. Diskurse über Gerüche markieren geographische, ethnische und soziale Grenzen, sie können soziale Hierarchien konstruieren und stärken, aber auch zerstören und neu organisieren. Gerüche können Kommunikation fördern oder blockieren, man kann sie als Instrument von Anerkennung und Solidarisierung oder für die Feindmarkierung und Gewaltausübung verwenden. In der europäischen Kultur der Neuzeit wurde der Geruchssinn als das am wenigsten kultivierte Sinnesorgan marginalisiert. Dagegen etablierten sich Gesicht und Gehör als Hauptmittel der rationalen menschlichen Erkenntnis. Im Unterschied zu Sehen und Hören, die über eigene entwickelte Zeichensysteme wie Sprache und Musik verfügen, galt der Geruchssinn als das Sinnesorgan, dessen Sensibilität Tiere auszeichnet und bei den Menschen lediglich für Kriminelle und Geisteskranke typisch sei. Im 19. Jahrhundert wurden Gerüche systematisch von der medizinischen Symptomatik auf das Soziale projiziert und als Merkmale gesellschaftlicher Zugehörigkeit zu Klasse, Ethnizität und Geschlecht instrumentalisiert. Die intensive Einbeziehung von Gerüchen in die politischen und sozialen Diskurse im 19. Jahrhundert und die Neuentdeckung der Gerüche für die Geistes- und Sozialwissenschaften am Ende des 20. Jahrhunderts bilden zwei markante Episoden der europäischen olfaktorischen Geschichte. Vor den 1980er Jahren war das Interesse von Historikern an Gerüchen gering. Dafür waren neben kulturellen Vorurteilen die im 19. und 20. Jahrhundert dominierende Vorstellung von einer „objektiven“ Geschichtswissenschaft und die vorherrschenden Ansätze der Politik- und Sozialgeschichte verantwortlich. In diesem Kontext fand die Geschichte von Alltag und Kultur, von Erfahrungen und Emotionen, von Bildern und weiteren Formen der nichtverbalen Kommunikation kaum Beachtung, weil diese als „subjektiv“ und damit historisch unbedeutende Phänomene klassifiziert wurden. All das hat die gründliche Erforschung von Gerüchen außerhalb der Medizingeschichte verhindert. Die Hinwendung der Historiker zur „subjektiven Wirklichkeit“ der Wahrnehmung und Sinnstiftung historischer Akteure fiel mit der Krise und dem Zusammenbruch der bipolaren Welt in den 1980er und 1990er Jahren sowie mit der wachsenden kritischen Reflexion über den Preis des Fortschritts zusammen. Der Geruchsinn wurde bzw. wird metaphorisch gelegentlich sogar als der führende Sinn der Postmoderne interpretiert, weil der Geruch wie die Postmoderne Grenzen überschreite und verwische sowie eine Unbeständigkeit der Existenz symbolisiere. Die Relevanz der Geschichte der Gerüche resultiert aus der Tatsache, dass das olfaktorische Milieu ein integraler Bestandteil des Alltags ist. Es dokumentiert die Tisch-, Trink-, Wohn- und Festkultur sowie Vorstellungen von Hygiene, von Männlich- und Weiblichkeit, von der Kultiviertheit und Zugehörigkeit der Mitglieder einer Gesellschaft zu „oben“ oder „unten“ in ihrer hierarchischen Ordnung.

Die Intensivierung eines expliziten öffentlichen Diskurses über Gerüche weist auf radikale gesellschaftliche Wandlungsprozesse hin, durch die althergebrachte Normen des Alltagslebens und Konventionen der Kommunikation ins Schwanken geraten oder überhaupt außer Kraft gesetzt werden. Die lange Zeit vernachlässigte Geschichte der Gerüche kann deshalb helfen, Ängste und Hoffnungen, Wahrnehmung und Verhalten von historischen Akteuren in historischen Umbruchsituationen besser zu verstehen. Besonders gut, so die Arbeitshypothese des Forschungsvorhabens, lässt sich das Wechselverhältnis von sozialem, politischem und kulturellem Wandel auf der einen und sich intensivierenden Diskursen über Gerüche auf der anderen Seite an der Geschichte Russlands bzw. der Sowjetunion im 20. Jahrhundert aufzeigen. Die dramatischen Brüche, die das Land in dieser Zeit erlebte, änderten die „Geruchs-Landschaften“ signifikant und förderten mit Hilfe einer „olfaktorischen Sinnstiftung“ die Erneuerung von sozialen und kulturellen Normierungen, Hierarchisierungen sowie In- und Exklusionen. Im Fokus befinden sich dabei die „klassischen“ Zäsuren der sowjetischen Geschichte, wobei die Revolution von 1917 sowohl hinsichtlich der zeitlichen Abfolge als auch hinsichtlich ihrer Bedeutung an erster Stelle zu nennen ist.

Ziel des Projektes ist es, die Geschichte der Gerüche in der Russischen Revolution als bedeutsames Kapitel einer Kulturgeschichte Russlands bzw. der Sowjetunion zu konzipieren, das zur gründlicheren und systematischeren Erforschung von Wahrnehmung und Verhalten historischer Akteure in der Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert beitragen kann. Die Ausgangshypothese ist, dass die olfaktorische Kultur, die in stabilen Entwicklungsphasen einer Gesellschaft als etwas Selbstverständliches ohne textuelle Artikulation bleibt (oder bestenfalls zum Objekt eines professionellen medizinischen Diskurses wird), in Umbruchphasen (wie z.B. der Revolution von 1917) zu einem Feld der Aushandlung von sozialen und kulturellen Normierungen, Hierarchisierungen sowie In- und Exklusionen werden kann.

Innerhalb dieser Fragestellung sollen zwei Themen erschlossen werden:

(1) Die Geschichte der Gerüche als theoretischer Ansatz und Teil der Alltags- und Kulturgeschichte: Gerüche werden als Kulturerscheinung betrachtet, die soziale Ordnungen mitgestaltet. Räumliche, ethnische und soziale Grenzen werden durch Gerüche markiert und damit Normen gesetzt. Die theoretische Ausarbeitung und praktische Verwendung der olfaktorischen Perspektive für die Geschichte der Sowjetunion können zum einen wesentlich zur präzisierten Erforschung der Alltags- und Kulturgeschichte der UdSSR beitragen. Zum anderen lässt sich so das Verhalten historischer Akteure und ihrer heutigen Nachfahren in den ehemals sowjetischen Gebieten fernab von offiziellen Institutionen, gängigen Erzählungen und Einwirkungen der aktuellen Vergangenheitspolitik neu thematisieren.

(2) Fallstudie über die „Gerüche der Revolution“ in einem der Epizentren des russischen Bürgerkriegs an der Grenze von Europa und Asien (Ural 1917–1922): Als Knotenpunkten der Migration waren die Städte der Uralregion mit Flüchtlingen überfüllt. Daraus resultierte die dramatische Verschlechterung der hygienischen Zustände, gepaart mit dem Verfall des Medizinwesens. Darüber hinaus wandelte sich die Ess- und Trinkkultur unter dem Druck der Lebensmitteldefizite und durch die russischen und nichtrussischen Migranten aus ländlichen Regionen. All diese Vorgänge trugen zum Wandel der bisherigen Landschaft der Gerüche bei. Die Geschichte der Russischen Revolution zeigt sehr anschaulich, dass Gerüche zu räumlichen und imaginären „Grenzziehern“ und Instrumenten zielgerichteter Gewaltausübung werden können. Der gesellschaftliche Ausnahmezustand sowie das Aufeinandertreffen von als fremdartig, exotisch und bedrohlich empfundenen Kulturen machte Gerüche zu einem wichtigen Marker neuer Hierarchien.

Beide Themen – die effiziente theoretische Aufarbeitung des olfaktorischen Ansatzes zur Erweiterung der Kulturgeschichte der Sowjetunion sowie seine praktische Anwendung auf die Erforschung der Geschichte der Russischen Revolution – werden auf der Basis eines gemäßigten theoretischen Eklektizismus bearbeitet. Erkenntnisleitend sind methodische und theoretische Konzepte der Kultur- und Wahrnehmungsgeschichte. Auch aktuelle Ansätze der Emotionsgeschichte, die von der Dualität der physiologischen Dimension und der Diskurs- bzw. kulturdeterminierten Natur von Gefühlen ausgeht, sind für eine Geschichte der Gerüche von zentraler Bedeutung. Zudem ist die Vorstellung von historischen Akteuren als bewussten oder ungewollten „Produzenten“ und „Verbrauchern“ von Diskursen über Gerüche für das Projekt bedeutsam. In der Fallstudie über die Revolution von 1917 sind dies die alten und neuen Einwohner der verfallenen oder verseuchten Räume und die Vertreter der kommunalen Institutionen, der Öffentlichkeit und der staatlichen Politik, die jene Räume prüften und die Verantwortung für ihre Zustände klären wollten. Schliesslich werden im Projekt Konzepte der aktuellen Raum-, Migrations-, Diskurs-, Erinnerungs- und Bildgeschichte genutzt.


Servicebereich