Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Dissertationsprojekt: Glaubenstoleranz und Schisma im Russländischen Imperium. Die staatliche Politik gegenüber den Altgläubigen in Livland, 1850-1906

Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

(Projekt im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollges "Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts")

Bereits wenige Jahre nach dem Schisma der Russisch-Orthodoxen Kirche siedelten sich Gegner der liturgischen und rituellen Reformen Patriarch Nikons auf dem Gebiet des späteren Gouvernements Livland an. Die Dissertation untersucht das Verhältnis zwischen den Altgläubigen, der Regierung und der Orthodoxen Staatskirche in dieser Region des Russländischen Imperiums. Während die livländischen Altgläubigen unter Nikolaj I. mit besonderer Härte verfolgt wurden, änderte sich der Regierungskurs seit Beginn der 1860er Jahre. Dafür verantwortlich waren nicht zuletzt Regierungsbeamte in Livland, die sich für die Gewährung bestimmter religiöser und ziviler Rechte an die Altgläubigen aussprachen. Der folgende, allmähliche Kurswandel der Regierung von der Diskriminierung zur Disziplinierung nicht nur der livländischen Altgläubigen, vollzog sich bis 1905 im Spannungsfeld des Interesses der aufgeklärt-absolutistischen Regierung, staatlichen Nutzen aus der altgläubigen Bevölkerung zu ziehen, und dem Versuch der Orthodoxen Kirche, die so genannten Schismatiker mit Hilfe des Staates zu bekämpfen. Erst in den Krisenzeiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts sah sich die Regierung dazu gezwungen, die Sorgen der Russisch-Orthodoxen Kirche hintanzustellen. Um die religiösen Dissidenten als Verbündete zu gewinnen, erkannte die Regierung das Altgläubigentum im Jahr 1906 offiziell als Glaubensbekenntnis an und gewährte ihm die gleichen Privilegien, die andere nicht-orthodoxe Bekenntnisse bereits seit vielen Jahrzehnten genossen.