Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Dissertationsprojekt: Sprachnationale Konflikte, Staatsreformdiskurs und Sozialdemokratie. Ein Vergleich zwischen den böhmischen Ländern und Belgien, 1894–1938.

Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

Förderung: Konrad-Adenauer-Stiftung

Belgien und die böhmischen Länder sind in mehrfacher Hinsicht prädestinierte Objekte für einen Vergleich: Die Beziehungen zwischen führenden Mitgliedern der „POB“/„BWP“ („Parti Ouvrier Belge“/„Belgische Werkliedenpartij“: Belgische Arbeiterpartei) und den Protagonisten der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Altösterreich (Zisleithanien) und der späteren Tschechoslowakei waren recht eng. Auch wies die historisch-politische Entwicklung im Untersuchungszeitraum in den beiden mehrsprachigen Ländern zahlreiche auffallende Parallelen auf.

Das Dissertationsvorhaben untersucht Gemeinsamkeiten und spezifische Unterschiede der sozialdemokratischen Auseinandersetzung mit ethnischer Heterogenität und „nationaler Frage“ in den beiden Ländern. Neben den relevanten Diskursen gilt ein besonderes Augenmerk den im sozialdemokratischen Kontext entwickelten Autonomie- und Föderalismuskonzepten. Das Projekt wendet zur Analyse den Ansatz des historischen Vergleichs (welcher im Ost-West-Kontext eher selten ist) an. Dabei werden Beschreibung, Bedingungsanalyse und Interpretation der Folgen ähnlicher oder unterschiedlicher Strukturen und Prozesse verknüpft. In die Untersuchung sind außerdem beziehungsgeschichtliche Aspekte integriert: es wird nach Wechselwirkungen zwischen den beiden Untersuchungsräumen und der Anwendbarkeit des Konzepts des Kulturtransfers gefragt.

In die Untersuchung werden aus komparatistischer Perspektive vor allem die folgenden Aspekte und Fragestellungen einbezogen: Verlauf sprachnationaler Mobilisierungs- und Differenzierungsprozesse in den beiden Untersuchungsgebiete; Folgen des jeweiligen rechtlich-politischen, demographischen und geographischen Kontexts für den Autonomiediskurs; Entwicklung der Arbeiterbewegung; Niederschlag sprachnationaler Konflikte in der Parteiorganisation; programmatische und publizistische Auseinandersetzung mit der Nationalitätenfrage in der Sozialdemokratie; Rolle der Sozialdemokratie im jeweiligen Staatsreformdiskurs (unter besonderer Berücksichtigung des von Karl Renner und Otto Bauer propagierten Konzepts der nationalkulturellen Autonomie [austromarxistischer Entstehungskontext; Frage des Transfers nach Belgien]); wechselseitige Perzeptionen und Referenzen (unter besonderer Berücksichtigung Camille Huysmans‘, Otto Bauers und des „humanistischen Sozialisten“ Tomáš Masaryk); sozialdemokratische Diskurse über sprachnationale Konflikte: Assimilation und Besitzstandswahrung versus Selbstbehauptung und Emanzipation (in diesem Kontext besonders relevant: Thematik der sprachlich-kulturellen Rechte für Arbeitsmigranten [Tschechen in Nordböhmen und Wien; Flamen in den wallonischen Industrierevieren] und der „Minderheitsschulen“ für Migrantenkinder); kultureller Nationalismus und Besitzstandsdenken bei Sozialdemokraten der dominanten Ethnie (Deutschösterreicher und Frankophone).

Ein Element der Arbeit bilden unbearbeitete Quellen aus dem Camille Huysmans-Archief in Antwerpen. Huysmans, flämischer Sozialdemokrat und nachmaliger belgischer Premierminister, zeigte als Sekretär der Zweiten Internationale ein reges Interesse an der Problematik der „Nationalitätenfrage“ in Zisleithanien und den von dortigen Sozialdemokraten entwickelten Lösungskonzepten. Wiederholt vermittelte er in Konflikten zwischen deutschen und tschechischen Genossen. Der österreichische Parteivorsitzenden Victor Adler nannte ihn scherzhaft „den belgischen Tschech‘ “. Seit 1913 propagierte Huysmans unter Berufung auf Otto Bauer das Konzept der „Kulturautonomie“ als Mittel zur Beendigung der Querelen zwischen Flamen und Frankophonen in Belgien.


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