Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
print


Navigationspfad


Inhaltsbereich

Laufende Forschung

Buchprojekt "Prague and Beyond: Jews in the Bohemian Lands"

Herausgeber:

Hillel J. Kieval, Ph.D.
Mgr. Kateřina Čapková, Ph.D.

Autoren:

Mgr. Kateřina Čapková, Ph.D.
Mgr. Michal Frankl, Ph.D.
Prof. Benjamin Frommer, Ph.D.
Rachel L. Greenblatt, Ph.D.
Dr. Verena Kasper-Marienberg
Prof. Hillel J. Kieval, Ph.D.
Dr. Ines Koeltzsch
Prof. Michael L. Miller, Ph.D.
Dr. Martina Niedhammer

Gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung (2016 – 2018)

Projektbeschreibung

Seit etwa zwanzig Jahren erfreuen sich die jüdische Geschichte und Kultur der böhmischen Länder eines wachsenden Interesses nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in den tschechischen Medien und einer breiteren Öffentlichkeit. Dies führt zu verstärkter Sensibilität für den historischen polyethnischen Charakter der Region, dessen verschiedene Facetten näher beleuchtet werden: der Kulturtransfer zwischen verschiedenen Ethnien und Sprachen (Tschechisch, Deutsch, Polnisch), Nationalitätenkonflikte, Antisemitismus und schließlich die Zerstörung der polyethnischen Gesellschaft während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg.


Daher ist es umso erstaunlicher, dass bis heute keine umfassende Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern vorliegt. Ziel vorliegenden Forschungsvorhabens, das von einem internationalen Autorenteam aus der Tschechischen Republik, Österreich, Ungarn, Deutschland, und den USA verantwortet wird, ist es deshalb, eine innovative Synthese in Form eines englisch- und eines tschechischsprachigen Überblickwerks zu erstellen. Dabei sollen Ergebnisse der jüngsten Forschung in Verbindung mit neuen Quellen zu Wort kommen.


Der Fokus auf ein Territorium, in dessen Grenzen erst in jüngerer Zeit ein souveräner Staat entstand, das also über lange Zeiträume hinweg Bestandteil größerer politischer Einheiten (Heiliges Römisches Reich, Habsburgermonarchie) gewesen war, zwingt dazu, die Bedeutung wechselnder politischer und rechtlicher Verhältnisse sowie die Vernetzung der jüdischen Geschichte in den böhmischen Ländern mit derjenigen von Juden und Nichtjuden in Nachbarregionen und darüber hinaus beständig mitzudenken. Gleichzeitig lässt sich eine jüdische Geschichte der böhmischen Länder nicht nur aus der Perspektive der großen städtischen Zentren der Region (Prag, Brno und Ostrava) schreiben; vielmehr muss sie in jedem Falle das bislang wenig beachtete ländliche jüdische Leben in den zerstreuten Gemeinden auf dem Dorf und in Kleinstädten einbeziehen.


Der zeitliche Rahmen des Vorhabens erstreckt sich von der Reformation im 16. Jahrhundert bis heute und nimmt speziell den Wandel im Zuge der Entstehung des modernen Staates, den Aufstieg und Fall der parlamentarischen Demokratie sowie Beginn und Zusammenbruch des sozialistischen Regimes in den Blick. Das Buch setzt daher mit der Regierungszeit Kaiser Rudolfs II. (1576–1612) und seinem berühmten Prager Hof ein, einer Periode, die gemeinhin auch als Blütezeit jüdischen Lebens in den böhmischen Ländern gilt. Es folgen drei Jahrhunderte habsburgischer Herrschaft, die verschiedenen Phasen des demokratischen und später kommunistischen tschechoslowakischen Staates, das von den Nationalsozialisten errichtete Protektorat Böhmen und Mähren und schließlich die heutige Tschechische Republik.


Projekthomepage: http://www.jewishhistory.usd.cas.cz/projects/prague-and-beyond-jews-in-the-bohemian-lands/

 

Forschungsvorhaben "Die Entdeckung der Muttersprache: Das Okzitanische, Jiddische und Belarussische zwischen regionalem Enthusiasmus, philologischem Fachdiskurs und nationaler Agitation"

 „Die Nationalität äußert sich praktisch in der Sprache, zumal in der gesprochenen Sprache (Muttersprache); die Statistik der Nationen wird nach Sprachen bestimmt, die Grammatiker untersuchen, inwieweit sich die Dialekte von wirklichen Sprachen unterscheiden."(Masaryk, Tomáš G.: Nová Evropa (1920), zitiert nach der dt. Übersetzung von Emil Saudek (1922), 48)


In wenigen Sätzen bringt Tomáš G. Masaryk die in den Augen seiner Zeitgenossen selbstverständliche Bedingtheit von Sprache und Nation auf den Punkt. Die Vorstellung des ersten tschechoslowakischen Staatspräsidenten von einer quasi naturgegebenen Verbindung zwischen dem Sprecher einer bestimmten Sprache und einer daraus ableitbaren nationalen Kategorie war jedoch auch außerhalb Ostmitteleuropas keine Unbekannte.


Vielmehr gab es in ganz Europa im 19. und frühen 20. Jahrhundert zahlreiche Versuche, „kleine“, bislang noch nicht oder nur marginal verschriftliche Sprachen zu standardisieren und zu kodifizieren. Dies zielte nicht nur auf eine Ausdehnung ihres Wirkungskreises auf bis dahin „verschlossene“ Bereiche wie etwa Schule und Wissenschaft, sondern auch auf ihre Prestigesteigerung in der Öffentlichkeit. Bezeichnenderweise gingen diese Kodifizierungsprozesse häufig mit Bestrebungen nach kultureller und politischer Autonomie einher.


Absicht dieses Projektes ist es, aus wissenschafts- und kulturgeschichtlicher Perspektive den Prozess der Standardisierung und Kodifizierung dreier „kleiner“ Sprachen in West- und Ost(mittel)europa – des Okzitanischen, Jiddischen und Belarussischen – vergleichend zu untersuchen. Im Zentrum stehen dabei die Aktivitäten wissenschaftsnaher respektive kulturpolitischer Institutionen, die sich der aktiven Förderung „ihrer“ Sprache verschrieben hatten: der 1854 in der Nähe von Avignon gegründete „Felibrige“, der mittels eigener schriftstellerischer Tätigkeit einerseits sowie forcierter Wörterbucharbeit andererseits einen einheitlichen okzitanischen Standard schaffen wollte, die Redaktion der Zeitschrift „Naša Niva“ (Unser Feld), ein frühes Organ der belarussischen Nationalbewegung mit volkssprachlichem Impetus, das nach 1905 in Vilna erschien sowie das seit 1925 ebenfalls in Vilna ansässige YIVO (Yidisher visnshaftlekher institut), das sich nicht nur als wissenschaftliches Zentrum der jiddischsprachigen Welt, sondern auch als dezidierter Vorreiter eines Diasporanationalismus begriff. Letzterer Punkt ist umso wichtiger, weil das Jiddische aufgrund der Tatsache, dass seine Sprecher nahezu alle einer religiös und/oder ethnisch definierten Minderheit angehören, auf den ersten Blick eine Sonderstellung innerhalb der ausgewählten Fallbeispiele einzunehmen scheint. Gerade das säkulare, einer zeitgenössischen Wissenschaftskultur verpflichtete Selbstverständnis des YIVO, das die Status- und Korpusplanung des Jiddischen mit den Mitteln moderner Sprachbewegungen vorantrieb, rechtfertigt daher eine vergleichende Analyse auch außerhalb eines jüdischen Kontextes.


Servicebereich