Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Dissertationsprojekt: „Menschheitsreligionen“ zwischen sakraler Nation und ziviler Religion: Die religiöse Bedingtheit neuer Gesellschaften bei T. G. Masaryk und A. V. Lunačarskij

Betreuer: Prof. Dr. Martin Schulze Wessel

(Projekt im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollges "Religiöse Kulturen im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts")

Welche Weltentwürfe erheben den umfassenden und ausschließlichen Anspruch darauf, Gesellschaften unter den Bedingungen der Moderne in ihrer Gesamtheit zu fassen? Diese klassische Frage u. a. der Soziologie stellt sich neu entstandenen oder den Anspruch des Neuen erhebenden Gesellschaften und Staaten in – normativ – verschärfter Form.

Anhand zweier Beispiele aus dem Raum Ostmittel- und Osteuropa wird diese allgemeine Frage konkret untersucht: Zum einen am Fall der ersten tschechoslowakischen Republik, deren ideeller Anspruch auf Zusammenhalt auch in einem transzendentalen Sinn nicht zuletzt durch ihren multinationalen Charakter und die Abwesenheit einheitsstiftender Institutionen (wie etwa einer Staatskirche) erschwert wurde. Zum anderen die junge Sowjetunion in ihrer Formationsphase. Diese neue Gesellschaft schlechthin zeigte exemplarisch die Entstehung einer neuen Staatsideologie, mit der das Gemeinwesen – auch mit Hilfe von Gewalt – auf ein ideelles Ganzes verpflichtet wurde.

Beiden Beispielen gemein ist zunächst nur der Zeitpunkt, zu dem der Begriff „Religion“ auftaucht. Der sich daraus aber ergebende Unterschied zum (west)europäischen Diskurs, der seine „Zivilreligionen“ lange vorher diskutiert und begrifflich erschlossen hatte, sowie die Tatsache, dass es in beiden Fällen – in theoretischer Hinsicht – um Positionen handelt, die nach der Gründung des jeweiligen neuen Staates in der ein oder anderen Form marginalisiert oder zumindest nicht prägend wurden, erschließt ein gewisses Maß an Vergleichbarkeit. Anhand dieser Leithypothese, dass nämlich beide Gesellschaften in ihrer Formierungs- und Entstehungsphase Integrationsdiskurse erzeugten, die sich zumindest teilweise in hohem Maße auf eine „Religion“ beriefen, sollen zwei hervorstechende Protagonisten solcher „neuer“ Religionen untersucht werden: Tomáš G. Masaryk und Anatolij V. Lunačarskij. Was dem einen die „humanistische“, war dem anderen die „sozialistische“ Menschheitsreligion. An den Parallelitäten und Unterschieden in Inhalt und Wirkung wird sich die Untersuchung orientieren.

Als Ergebnis der Arbeit entsteht idealerweise eine Typologie nichtreligiöser oder parareligiöser Menschheitsreligionen unter bestimmten historischen (und vielleicht auch regionalen) Bedingungen. Dieses Konzept könnte dann gegenüber den Begriffen der neueren Nationalismusforschung sowie dem der „politischen Religion“ auf seine Erklärungskraft untersucht werden.

Die Leitfragen des Dissertationsvorhabens lassen sich wie folgt zusammenfassen: Unter welchen Bedingungen entstehen und funktionieren religiöse Entwürfe in der Moderne, die sich nicht als klassische Religion verstehen? Inwiefern konstituieren sich in den genannten Beispielen „Orte eigener Vernunft“, die der klassischen („westlichen“) gesellschaftlichen Modernisierung ein eigenständiges Alternativkonzept entgegenhalten, das sich zwar im metaphysischen Sinne als religiös, jedoch explizit nicht als klerikal oder traditionell versteht, sondern vielmehr den Bruch mit dem Alten betont?