Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
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Sprachumschaltung

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Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2011/12

Vorlesung: Osteuropa im Spiegel seiner Sprachen. Sprachgeschichte und Sprachpolitik vom Mittelalter bis zur Gegenwart

2std., Mi 16-18, Hauptgebäude A015

Beginn: 19.10.2011; Ende: 08.02.2012

Sprachen werden bei Historikern selten explizit zum Thema. Das ist schade, denn Sozial- und Kulturgeschichte findet auch auf sprachlichem Gebiet statt. Daher sollte man dieses Feld nicht nur der Linguistik überlassen.

In der Sprachgeschichte spiegeln sich viele historische Entwicklungen. Zum Beispiel das Thema Nachbarschaft - wir treffen auf enge ‚genetische' Sprachverwandte, die sich durch ‚Umwelteinflüsse' auseinandergelebt haben (wie Litauisch und Lettisch). Oder aber auf ursprünglich eher entfernte Verwandte, die sich durch intensiven Kontakt und Mehrsprachigkeit strukturell angeglichen haben (wie auf dem Balkan).

Oder wir sind mit der Frage politischer Macht konfrontiert. In den Imperien der Habsburger, der Romanovs und der Osmanen waren Macht und Prestige an Hegemonialsprachen gebunden, wogegen andere Sprachen lange um Anerkennung kämpfen mussten. Weitere Standardsprachen mussten erst durch intensive Konstruktionsarbeit aus Dialekten und ‚äußeren' Zugaben geformt werden, meist parallel zur Emanzipation einer gleichnamigen Nationalität. Einige Sprachen sind noch heute in der Konstruktionsphase.

Oft finden sich auch Verweise auf das Innenleben von Sprachgemeinschaften. Das Verhältnis zwischen Stadt und Land lässt sich vielerorts an der Beziehung zwischen Dialekt und Hochsprache ablesen, die soziale Ordnung (oder auch Unordnung) an Anredesystemen. Konflikte zwischen ‚östlicher' und ‚westlicher' Orientierung schlugen sich häufig in verschiedenen Alphabeten nieder. Die Sprachstandardisierung spiegelt meist innergesellschaftliche Kräfteverhältnisse und fiel mal hochsprachlich-elitär, mal demokratisch-volksnah aus - jeweils mit entscheidenden Konsequenzen für Millionen von Grundschülern! In manchen Fällen ist die Kluft zwischen einem traditionsbeladenen Sprach-Soll und dem alltäglichen Istzustand auch heute noch sehr groß.

Die Vorlesung ist als Einführung für alle gedacht, die sich einen Überblick über die im östlichen Europa gesprochenen Sprachen verschaffen wollen - und darüber, was man als Historiker aus der Sprachgeschichte und Sprachpolitik lernen kann.

Literatur: Siegfried Tornow: Handbuch der Text- und Sozialgeschichte Osteuropas. Von der Spätantike bis zum Nationalstaat. 2., überarbeitete Auflage. Wiesbaden 2011.

Prüfungsform im BA und im modularisierten Lehramt: KL.